Terror in Paris und Kopenhagen
Wie schulische und berufliche Bildung präventiv wirkt

Veröffentlicht am 19.02.2015

Anfang dieses Jahres wurden Menschen weltweit erschüttert, als in Paris und wenige Wochen später auch in Kopenhagen brutale Anschläge mit mehreren Todesopfern verübt wurden. Warum ist so etwas möglich? Wer steckt hinter solchen Taten? Erschreckend ist wohl für viele die Tatsache, dass die Täter noch junge Menschen waren, die offensichtlich in ihrem Leben enttäuscht und ausgegrenzt wurden und keine Chance mehr sahen. Wollten sie sich rächen, weil Satiriker religiöse Gefühle verletzt hatten, oder war es ein Warnzeichen, dass die Attentäter sich nicht mehr beachtet, ausgegrenzt und abgeschoben fühlten?

In den vergangenen Wochen gab es zudem in den Medien immer wieder Berichte von Menschen, die aus Deutschland in den Jihad ziehen, um in Syrien und im Irak für die Errichtung eines islamischen Gottesstaates mit unglaublicher Grausamkeit zu kämpfen. Die Mehrheit dieser zumeist jungen Menschen – unter ihnen auch Minderjährige, der Jüngste war erst 13 Jahre alt – kommt aus schwierigen persönlichen und sozialen Verhältnissen. Nur jeder vierte der Betreffenden hat nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer einen Schulabschluss. Eine Ausbildung brachten sechs Prozent zu Ende, ein Studium zwei. Rund ein Viertel zog direkt nach der Schule in den Jihad, nur zwölf Prozent gingen einer Beschäftigung nach, viele hatten bereits früher Straftaten begangen.

Wie zu Don Boscos Zeiten
Es ist keine völlig neue Situation, dass junge Menschen vor dem «Aus» stehen und «ausrasten». Bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts stand ein junger Priester und Sozialpionier vor dieser Herausforderung: Giovanni Bosco erlebte zu Beginn der Industrialisierung in Oberitalien, in der Stadt Turin, wie unzählige junge Menschen vom Land in die Stadt flüchteten und sich dort eine bessere Zukunft erhofften. Viele wurden durch ihre Arbeitgeber ausgenutzt und gedemütigt. Nicht wenige wurden straffällig, landeten im Gefängnis und wurden im schlimmsten Fall mit dem Tode bestraft.

Don Bosco, selber aus ärmlichsten Verhältnissen nahe Turin stammend, sah die Not der Jugendlichen, als er ihnen auf der Strasse und vielen auch im Gefängnis begegnete, und wollte dafür sorgen, dass junge Menschen gar nicht erst in eine solche Lebenssituation kommen konnten.

Mit ganzer Kraft setzte er sich mit vielen Gleichgesinnten dafür ein, dass diese Menschen in schwierigen Situationen eine neue Lebenschance bekamen. Durch Erziehung, Bildung, Begleitung erfuhren viele einen Neuanfang, eine neue Lebenschance.

Don Bosco – vor 200 Jahren geboren – nach wie vor hochaktuell
Meldungen von solch enttäuschten Jugendlichen unterstreichen nachdrücklich die Bedeutung der ganzheitlichen pädagogisch-pastoralen Arbeit nach dem Vorbild Don Boscos, besonders auch mit jungen Menschen, die es selbst schwer haben im Leben und deshalb oft auch anderen das Leben schwer machen.

Erziehung, Bildung und Begleitung für gerade diese Menschen sind sehr wichtige und wertvolle Bausteine. Die Jugendlichen erhalten dadurch bessere Zukunftschancen und somit hoffungsvollere Perspektiven. Wenn das Leben junger Menschen gelingt, können wir besser in Frieden und Zufriedenheit miteinander leben.

Heute engagieren sich rund 280 000 Menschen weltweit nach dem pädagogisch-pastoralen Vorbild Don Boscos. Sie helfen im erzieherischen und beruflichen Bereich, bieten schulische und ausserschulische Bildung an und sind in der Jugendpastoral- und Pfarrseelsorge tätig. Diese Arbeit ist ein unschätzbarer, präventiver Beitrag, damit junge Menschen nicht resignieren und aufgeben, damit sie sich nicht aus Verzweiflung oder mangelnder Perspektive ausgrenzen und radikalisieren.

Luciano: Leben am Rande der Gesellschaft

Luciano

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Ein Beispiel für den Wert der Arbeit nach dem Vorbild Don Boscos ist die Geschichte von Luciano, einem Favelajungen aus Rio de Janeiro, Brasilien. Luciano ist 14 Jahre alt. Er lebt in der Favela Jacarezinho, wo er geboren und aufgewachsen ist. Er liebt diesen Ort, denn er ist seine Heimat. Eine Heimat allerdings voller Herausforderungen. Hunderttausend Menschen leben auf einem Quadratkilometer. Armut, Drogen, Prostitution und Gewalt gehören zum Alltag. Auch Kinder und Jugendliche werden davon nicht verschont. Angst ist ihr ständiger Begleiter – ein Teufelskreis, denn oft greifen sie deshalb selbst zur Waffe. Luciano erzählt, dass er einen Mord beobachtet hat, gleich auf der Strasse vor der kleinen Wohnung, in der er mit seiner Mutter und seinem Halbbruder lebt. Ständig werden ihm Drogen angeboten. Die Kriminalität lockt mit schnell und leicht verdientem Geld. Doch Luciano träumt von einer anderen, besseren Zukunft: «Ich habe viele Träume. Mein Ziel ist ein Schulabschluss, eine Universität zu besuchen, Geschichte zu studieren. Ich möchte reisen, ich möchte Basketball spielen!»

Hoffnung inmitten von Armut ist möglich
Was ist es, das Luciano inmitten von Gewalt und Elend träumen lässt? Es ist die einzige Schule in Jacarezinho. Sie wird von den Salesianern Don Boscos geführt und wurde unter grössten Schwierigkeiten mit Spendengeldern aus der Schweiz gebaut und 2012 eingeweiht. Hier finden Kinder und Jugendliche mit Hilfe von engagierten Pädagogen eine neue Perspektive. Bruder Raimundo Mesquita, Salesianer Don Boscos und Kinderrechtsexperte, erklärt: «Ich will die Kinder nicht endgültig aus ihrem Milieu holen, sondern mit ihnen zusammen das Milieu ändern.» Luciano hat das Glück, diese Schule besuchen zu dürfen. Er mag die Don-Bosco-Schule: «Sie ist nicht wie andere Schulen, denn sie zeigt den Schülern Wertschätzung.»

Wenn Wertschätzung und Bildung einen Teenager von Kriminalität und Gewalt fernhalten können, lohnt es sich da nicht, sich unermüdlich für solche Menschen am Rande der Gesellschaft einzusetzen? Die Jugendhilfe Weltweit in Beromünster (www.jugendhilfe.donbosco.ch) tut dies. Sie ist Glied des weltweiten Netzwerks der Salesianer Don Boscos, die in 132 Ländern der Welt ihre Einrichtungen und Niederlassungen betreiben und mit ihren Mitarbeitenden rund 16 Millionen Jungen und Mädchen erreichen. 200 Jahre nach der Geburt Don Boscos sehen wir deutlicher denn je, dass seine Lehre von Erziehung, Bildung und Begleitung Schicksale zum Besseren wenden kann. Es liegt an der Gesellschaft, sie weiterzuverbreiten.

Pater Josef Knupp, Beromünster